Puh, ich glaube, das wird die schwierigste Abrechnung mit einem Jahr ever.
Was schreibt man über ein Jahr im Bann der Pandemie?
2020
"Eigentlich haben wir doch alle überhaupt keinen Grund zu jammern. Wir haben ein Dach über dem Kopf und sind gesund. Wir haben genügend Geld, um auch mal in den Urlaub zu fahren und uns einige Wünsche zu erfüllen. Wir haben genug zu essen und müssen weder hungern noch dursten. Wir leben in einem Land ohne Krieg! Wir haben eine Familie, gute Freunde, Sophie und wir haben uns! Wir sollten aufhören ständig zu jammern!"
Ihr erinnert Euch? Diese Worte vom Töchterchen standen am Ende des "Auf ein Wort"-Posts vor einem Jahr. Diese Worte wollte ich beherzigen und ahnte nicht mal im Ansatz, wie unser Leben von einer Pandemie durcheinander gewirbelt wurde. Oder soll ich besser sagen "ausgebremst"? Wie soll man auch mit sowas rechnen?
Und jetzt? Haben wir nach diesem Jahr einen Grund zu jammern? Geld hatten wir weiterhin genug, in den Urlaub konnten wir überraschenderweise auch fahren, Wünsche haben wir uns erfüllt, wenn auch vielleicht andere als eigentlich auf dem Wunschzettel standen. Wir mussten nicht hungern, nicht dursten und einen Krieg gab es auch nicht. Die Familie, die Freunde, Sophie - alle da und auch gesund.
In den ersten zwei Monaten war alles noch normal, wir kämpften uns durch den normalen Alltag mit guten Momenten und den üblichen Ärgernissen, die das Leben halt so für einen bereit hält. Ja, man las und hörte das aus China, aber hey, das ist doch so weit weg. Aber dann waren plötzlich die ersten Deutschen infiziert und aus Italien erreichten uns rasch Horrorbilder. Spätestens ab da beherrschte ein einziges Wort unser aller Leben "Corona-Virus". Später kamen Wörter wie Todesrate, R-Wert, Lockdown, exponentielles Wachstum, Ausgangssperre, Kontaktsperre, Quarantäne usw. hinzu. Wir starrten täglich auf eine Menge Zahlen. Ich stand das erste Mal vor leeren Regalen im Supermarkt und Klopapier war plötzlich das neue Gold. Und dann hockten wir im Lockdown, die Schulen wurden geschlossen. Wenn ich daran denke, wie bösartig die Kids angegangen wurden als sie anfingen gegen den Klimawandel zu demonstrieren, weil sie doch dafür die Schule schwänzten und Stoff verlieren! Hier schrie dann irgendwie keiner auf, dass Homeshooling so gar nicht funktionierte und in diesem Jahr der Unterrichtsstoff wenig bis gar nicht vermittelt wurde. Naja, Klimawandel bedroht uns halt noch nicht so akut wie Corona, das ist ja noch weit weg. Eltern mussten die Lehrerfunktion übernehmen und Home Office ging auf einmal auch in Betrieben, die sich vorher dagegen verwehrt haben.
Im Sommer kehrte - mal abgesehen von unserem mittlerweile wichtigsten Kleidungsstück, die Maske . so etwas wie eine Normalität ein. Die aber trügerisch war, denn das Virus verbreitet sich nun mal auch asympthomatisch und so flogen uns ab den Herbstferien die Zahlen wieder komplett um die Ohren. Und plötzlich waren auch unsere Intensivstationen teilweise am Limit, mussten Patienten verlegt werden, aber irgendwie wurden meiner Meinung nach die Maßnahmen nicht mehr so konsequent durchgezogen, wie im März/April. Die Schulen blieben viel zu lange offen und viele Menschen waren entweder corona-müde oder leugneten die Gefährlichkeit bzw. glaubten gar nicht dran, dass es diesen Virus überhaupt gibt. Bis zum Ende des Jahres bleiben die Zahlen hoch, aber immerhin gibt es mit der Impfung ein kleines Licht am Tunnel! Hoffen wir das Beste!
Die beste Zeit des Jahres waren eindeutig die ersten beiden Monate und der Sommer. Die schlimmste Zeit für mich begann ab Mitte August. Doch dafür kann Corona nur wenig.
Gesundheitlich lief es prima! Ich war nicht einmal krank, mal abgesehen von der Impfreaktion, die Wechseljahrsbeschwerden halten sich in Grenzen und bis auf die paar üblichen Durchhänger oder Zipperlein, kann ich über dieses Jahr echt nicht klagen.
Beruflich kann ich das Jahr dreiteilen. Anfang des Jahres kämpfte ich noch darum endlich aus dem Studienbereich rauszukommen. Der liegt mir nicht und ist auch gar nicht mit meinen anderen Aufgabenbereichen zu vereinbaren. Es dauerte eine Weile, aber dann hatte ich es geschafft und eine ruhigere und gute Zeit begann auf der Arbeit. Die bis nach meinem Sommerurlaub anhielt. Ich wurde ohne Rücksprache von jetzt auf gleich vom Chef komplett im Labor abgezogen und nun komplett in den Studien eingesetzt. Meine persönlicher Alptraum. Kurze Rede, langer Sinn, es macht mir null Spaß, aber es gibt gerade keinen Plan B. Diese Situation belastet mich teilweise so sehr, dass ich kaum noch abschalten kann. Ein Zustand, der so nicht bleiben kann.
Sportlich kann ich das Jahr auch zweiteilen. Bis zum Sommer bin ich super gut dabei. Ich mache fast jeden Tag Sport und fühle mich richtig gut. Ich bekomme meine Achilles-Sehnen-Probleme mit Faszientraining in den Griff. Aber dann verlässt mich die Motivation, der Antrieb und der innere Schweinehund wird stärker. Sicherlich geschuldet auch darin, dass ich das Gefühl habe in einer enormen Doppelbelastung festzustecken. Dazu dann an anderer Stelle. Leider wird das Sporttief bis zum Ende des Jahres anhalten. Zwar schaffe ich meine vorgenommenen Ziele (1000 km Gehen und 200 km joggen), aber darüber hinaus mache ich kaum noch was. Und mein Körper findet das nicht gut. Mit dem Sportmangel und dem Essen a la "man hat ja sonst nix mehr im Leben" lege ich auch ordentlich an Gewicht zu. Ich bekomme es zwar immer wieder in den Griff, aber eben nicht nachhaltig.
Männertechnisch war das Jahr noch weniger los als im Jahr davor. Ist auch ein wenig schwierig, wenn man plötzlich weder ausgehen kann, noch Kontakte haben darf. Zwischendrin habe ich sogar mal ein echtes Bedürfnis diesen Zustand langfristig zu ändern, ich nehme mir vor nach der Pandemie wieder offener für solche Begegnungen zu sein. Ob das nur ein schwacher Moment war oder das Bedürfnis weiteranhält, werden wir dann ja sehen. Ansonsten war es bis zum Lockdown eine gute Zeit. Ich war oft aus, habe mich mit Freunden getroffen, ging zum Ballett und ich hatte richtig Bock etwas zu unternehmen. Doch dann wurde ich in dieser Hinsicht von 200 auf 0 abgebremst. Das hat mich schon gefrustet, sehr sogar.
Mit dem Töchterchen lief es prima und ich muss gestehen, ihre Entwicklung hat mich in diesem Jahr am Meisten beeindruckt. Trotzdem war es nicht leicht für uns, war ich phasenweise doch ihr einziger Kontakt und seien wir mal ehrlich, mit 16 möchte man nicht wirklich die meiste Lebenszeit mit seiner Mutter verbringen. Aber genau so war es nun mal! Wir haben das Beste daraus gemacht und die meiste Zeit ist uns das auch gelungen. Wir waren ein eingespieltes Team, hatten eine Menge Spaß und auch gute Gespräche.
Wer uns durch diese Zeit wieder sehr gut geholfen hat, war Sophie! Wir sind so viele und große Hunderunden wie noch nie gelaufen mit ihr. Manchmal hatte ich das Gefühl, sie rollt schon die Augen, wenn wir schon wieder los wollten. Aber der alten Hundedame tat das auch sehr gut. Der Rücken hielt ein weiteres Jahr durch ohne Probleme und sie war insgesamt topfit bis auf den immer wiederkehrenden Durchfall. Und sie nahm dieses Jahr trotz mehr Futter einfach nicht zu. Ob es an unseren neuen Untermietern liegt, die der Tierarzt zum Ende des Jahres im Kot nachweisen konnte? Wir werden es sehen, wenn wir die Viecher hoffentlich irgendwann los sind. Sophie ist und bleibt unser Seelenhund, der uns Trost in schwierigen Zeiten gibt und uns täglich zum Lachen bringt.
Das vorherrschende Gefühl in diesem Jahr? Resignation! Aber mehr in dem Sinne, dass man das alles momentan nicht ändern kann, sondern es aushalten muss, abwarten bis alles vorbei ist. Irgendwie ein Augen zu und durch. Und dann war noch ein enormer Druck, der seit Beginn der Pandemie auf mir lastete. Ich fühlte mich doppelt belastet, weil ich ja im Gegensatz zu einigen anderen weiterhin jeden Tag auf die Arbeit musste, mit all den Ängsten sich anstecken zu können oder in Quarantäne zu landen und als ich nach Hause kam, wartete ein Teenie, der ausgehungert war nach Gesprächen und Kontakten. Auch andere Menschen in meinem direkten Umfeld stellten ähnliche Ansprüche an mich. Manchmal empfand ich einfach nur eine große Sehnsucht allein zu sein! Dazu der Druck auf der Arbeit, der im neuen Aufgabenfeld im Vergleich zum Labor enorm ist. Ich wollte einfach nicht noch mehr Verantwortung im Leben haben! Aber mich hat halt keiner gefragt. Und so endete das Jahr mit dem Gefühl, dass irgendwie ich es immer richten soll! Dass an mich permanent Erwartungen gestellt werden, die mich in Überlastungssituationen noch mehr unter Druck setzen.
Das Töchterchen hat auch mit diesem Jahr abgerechnet und für mich überraschend eine positive Bilanz gezogen. Sie empfand es trotz allem als ein sehr viel besseres Jahr als 2019. Hätte ich nicht erwartet, denn wenn ich denke, man hätte mir mit 16 persönliche Kontakte untersagt oder mir gar mein Basketball weggenommen? Ich hätte es wohl als persönliches Horrorjahr bezeichnet. Aber nein, sie sieht das anders. Ich denke, es liegt daran, dass sie endlich ein Stückweit aus ihrem eigenen Schatten getreten ist. Sie hat sich von sich selbst befreit, sie ist sich selbst aus dem Weg getreten. Und dadurch ist sie aufgeblüht. Sie versteckt sich nicht mehr so sehr wie früher! Auch das Homeshooling lag ihr sehr. Viel mehr als der Präsenzunterricht. Sie weiß jetzt noch mehr, dass sie Schule nicht mag und dass das Beste an der Schule ist, ihre Freunde regelmäßig zu treffen. Schauen wir mal, wie sich das weiter verhält, wenn irgendwann wieder normale Bedingungen herrschen. Sie hat in diesem Pandemie-Jahr unglaublich viel gelernt. Sie kann nun kochen, haushalten, Regale aufbauen, sich komplett selbst strukturieren. Sie hat das Spazierengehen für sich entdeckt und sich mit Stretching und Dehnen bis zum Spagat gebracht. Dafür hat sie das Fußball, und auch das Laufen aufgegeben. Auch Geige litt sehr unter der Pandemie und dem vielen Lernen für die Klausuren. Sie hatte einen ersten Job im Kinderturnen, der dann aber schnell der Pandemie zum Opfer gefallen ist.
Ihr persönlicher Höhepunkt war der Sommer mit den beiden Urlauben und sie hat sich ein Ziel gesetzt, sie möchte einmal bis auf die Zugspitze hochwandern. Überhaupt hat sie die Berge lieb gewonnen, möchte aber weiterhin lieber unseren einzigen Jahresurlaub am Meer mit Sophie und mir verbringen.
Den Führerschein hat sie noch nicht begonnen, durch den zweiten Lockdown und fehlender Motivation wird die Anmeldung immer mal wieder verschoben. Ihr persönlicher Tiefpunkt war dann wohl, mit ihrer Mutter Silvester zu verbringen. Naja, ich nehme das mal nicht persönlich. *lach*
Wenn ich es mal ganz nüchtern betrachte - so schlecht war das Jahr nicht! Es war anders und in mancher Hinsicht sicherlich blöd, beängstigend, belastend, aber ich glaube, wir haben wirklich keinen Grund zu jammern. Unsere Bedingungen durch die Pandemie zu kommen, sind sehr privilegiert. Das war uns aber auch immer bewusst.
Also mein Fazit: Pandemie ist scheiße - aber das Jahr 2020 war es nicht!
2021
Ehrlich? Ich habe keine Erwartungen an das neue Jahr! Weder auf der Arbeit noch an der Pandemie wird sich in den nächsten Wochen etwas zum Besseren wenden. Da hilft nur weiter Augen zu und durchhalten. Und das ist nicht mal pessimistisches Denken, sondern einfach nur eine nüchterne Beurteilung. Es kommt letztendlich nur auf uns selbst an, was wir daraus machen.
Natürlich wünsche ich uns und allen, die wir kennen, dass wir weiterhin verschont bleiben von Krankenheiten, keine finanzielle Sorgen erleiden müssen und wir viele Lichtblicke in 2021 erleben dürfen. Wie auch immer die dann aussehen mögen.
Das einzige Ziel, das ich mir gesetzt habe, sind wieder meine 200 km joggen! Das wars! Alles andere wird sich auf unserem Weg durch ein weiteres Pandemie-Jahr zeigen. Und vielleicht können wir ja im Sommer wirklich wieder nach Dahme fahren. Großartig wäre es auch, wenn wir meine Oma nochmal drücken könnten. Und nicht nur die!
Ein Date wäre toll und zwar für alle weiblichen Mitbewohner ohne Fell hier. *lach* Salsa tanzen - da bin ich eher realistisch und wage zu bezweifeln, ob das so schnell wieder möglich ist. Aber vielleicht kann man ja in ein paar Monaten wieder mehr unternehmen.
Mehr Sport wäre klasse, wobei ich mir da ja selbst in den Hintern treten muss oder besser dem blöden Schweinehund.
Besonders für das Töchterchen wünsche ich mehr Normalität. Mit 17 sollte man nicht dauerhaft gezwungen sein, so viel Zeit mit seiner Mutter zu verbringen. Ich wünsche ihr, dass sie es endlich mal krachen lassen kann mit allem, was man so mit 17 tun möchte.
Ich hoffe, dass wir diese blöden Giardien schnell loswerden und Sophie ein weiteres unbeschwertes Hundejahr bei uns verbringen darf. Ich möchte sie weiterhin springen, toben sehen und freue mich über jeden Tag, den sie uns mit ihrer neuen Bockigkeit nerven wird.
Und überhaupt ist es das, was sich bei mir einstellt, wenn ich an 2021 denke: Hoffnung!
In diesem Sinne: Auf ein Neues!