Der Oktober - der wohl schlimmste, traurigste, emotionalste, gruseligste und in manchen Dingen endgültigste Monat, den ich in meinem bisherigen Leben erlebt habe. Es wird der Monat sein, der mir von diesem Jahr für immer in Erinnerung bleibt.
Nach der ganzen Aufregung Ende September, nehme ich mir einen Abend frei, das Töchterchen passt auf Sophie auf und ich gehe zu der Veranstaltung "Botanische Lichter" im Botanischen Garten. Eine gute Idee, mal kurz den Kopf frei bekommen.
Das Wetter passt sich der Stimmung an, es regnet und regnet. Die Tage gemeinsam mit dem Töchterchen neigen sich dem Ende zu. Ich hadere sehr damit, sie auch diesmal nicht wirklich unterstützen zu können.
Die Lichter vom Auto geben auf, noch ein Punkt, der auf die Reparaturliste muss. Und dann startet Töchterchen ihr großes Abenteuer, ihren großen Traum in Hamburg. Jetzt ist sie weg. Aber sie hatte diesmal auch schwer am Abschied zu knabbern. Ihr fiel es sehr schwer und sie hat auch Angst, dass sie in Hamburg keinen Anschluss findet. Aber das letzte Oktoberwochenende will sie ja schon wieder kommen.
Nun bin ich wieder alleine mit dem fortgeschritten dementen Hund, der immer mehr meine Hilfe benötigt. Niemand kann sich annähernd vorstellen, wie das hier aussieht. Ich habe eigentlich keine Luft mehr für andere Dinge, nichts kann ich mal am Stück machen, weil ich sie immer wieder zurück auf ihre Decke bringe. Sie zum Schlafen zu bringen, ist fast unmöglich, egal, und vor allem Nachts fehlt mir irgendwann auch die Geduld. Unser Verhältnis wird immer mehr zum Kampf! Das macht so unfassbar traurig. Immerhin hat sie wieder etwas zugenommen, seitdem sie das Karvisan bekommt, frisst sie besser.
Dann tauchen zu allem Übel mal wieder Motten auf. Immer nur vereinzelt alle paar Wochen und ich kann auch bei mir keinen weiteren Befall finden. Das nervt zusätzlich! Ich bin dauermüde, kann aber tagsüber mich auch nicht mehr hinlegen. Die ersten Kraniche fliegen fort! Ich versuche mich irgendwie mit Joggen und Workouts, sofern ich Zeitnischen dafür finde, abzulenken.
Das Töchterchen hat das Wohnheimzimmer bezogen und fühlt sich sofort wohl dort. Sophies Zustand wird immer schlimmer. Ich bin mittlerweile wirklich ratlos, wie ich ihr noch helfen kann. Mein Papa übt nun die Versorgung von Sophie und ich habe den Termin bei der Anästhesie. Immerhin ist mein EKG in Ordnung. Das Auto kann wieder leuchten, es sind keine neuen Motten aufgetaucht und die Kraniche flüchten in immer größeren Gruppen.
Ich bin 150 km in diesem Jahr gejoggt! Sophie hat jetzt Schwierigkeiten mit meiner Arbeitszeit, weil sie ja alleine nicht den Weg zur Decke findet. Ins Gefängnis kann ich sie nur sperren, wenn sie alle ihre Geschäfte gemacht hat. Wir hangeln uns von Tag zu Tag! Ich lege überall Liegekissen aus, wenn ich weg muss, aber anscheinend weiß sie nicht, was sie damit machen soll.
Meine Vermieterin spricht mich an, dass Sophie so laut gejammert hat, dass sie es bis unters Dach gehört hat. Ich bin verzweifelt, weiß nicht mehr, wie ich das noch handeln soll. Ich versuche alles, damit sie ihr Geschäft morgens macht, damit ich sie ins Gefängnis sperren kann, dort findet sie dann manchmal Ruhe und schläft, wenn ich zurück komme. Und ich muss sie jetzt morgens füttern, was ewig dauert. Den Rest des Tages frisst sie alleine.
Wir haben einen Tierarzttermin und auch er sieht, wie sehr Sophie abgebaut hat und dass die Lebensqualität jetzt in den Graubereich kommt. Wir haben ein gutes Gespräch, ich werde wohl in absehbarer Zeit eine Entscheidung treffen müssen. Später erfahre ich, dass auch die Nierenwerte anfangen zu steigen. Sie wiegt unter 13 kg. :-(
Ich habe ein weiteres Gespräch mit meinem Papa wegen Sophie, ich will mich durch die bevorstehende OP nicht zu einer Entscheidung drängeln lassen. Somit übt er weiter mit ihr. Aber dann spitzt sich das Ganze zu.
Wir haben das schlimmste Wochenende überhaupt. Sie schläft fast gar nicht mehr, dreht nur Kreise und jammert, dadurch fehlt ihr zunehmend die Kraft für das Einzige, was ihr noch Lebensqualität gegeben hat - die Spaziergänge. Ich gebe ihr in meiner Verzweiflung nochmal Gabapentin und sie schläft endlich mal wieder 6 h am Stück. Für mich fällt an diesem WE die Entscheidung - es reicht, ich muss sie gehen lassen. Ich sortiere, organisiere und kümmere mich darum, was mit ihr danach passiert. Und ich versuche, die Zeit, die bleibt, intensiv mit ihr verbringen, soweit das mit ihr noch möglich ist. Einen Tag kommt meine Freundin mit ihrem Hund vorbei zum Abschied nehmen.
Am 21.10. schläft Sophie ganz ruhig und friedlich beim Tierarzt in meinem Arm ein. Es ist ein tröstlicher Moment, ihr Leiden hat ein Ende und ich konnte bzw. durfte sie dabei begleiten. Die Sonne scheint an diesem Tag von einem blauen Himmel herunter auf uns!
Ich gebe mir eine intensive Woche der Trauer - mehr Zeit habe ich ja leider nicht, bevor ich ins Krankenhaus einrücken muss. Niemand darf mich besuchen, keiner mich anrufen. Ich versuche die OP komplett zu verdrängen und konzentriere mich auf Sophie, die nun nicht mehr da ist. Mit dem Wetter habe ich Glück, so verbringe ich viel Zeit draußen, gehe nochmal joggen und spaziere alle unsere ehemaligen Hunderunden ab. Am Wochenende reist nochmal das Töchterchen an. Der Freund ihrer Freundin hat einen schlimmen Verkehrsunfall.
Am 28.10. rücke ich ins Krankenhaus ein! Die letzten Tage des Oktobers verbringe ich dort. Es ist alles gut gegangen, ich brauchte doch keinen Bauchschnitt und nach den ersten schlimmen Tagen, geht es mir schnell besser. Der Oktober ist geschafft!
