1. Wie war Deine Vorstellung von Familie vor Familie? Wieviel ist wahr? Was ist komplett anders geworden?
Meine Vorstellung von Familie war recht klassisch: Vater, Mutter, Kind(er) und so ist es auch erst einmal eingetroffen. Nach ca. 9 Jahren Partnerschaft entschieden wir uns ein Kind zu bekommen. Das kam dann auch und wir hatten ca. 8 Jahre lang eine wundervolle Familie. Bis dahin lief also alles so, wie ich mir das vorgestellt hatte. In 2012 wurde mir aber dann abrupt der Boden unter den Füßen weggezogen und plötzlich stand ich alleine da mit Kind, Haus und Hund. Das Haus gibt es nicht mehr, aber Kind und Hund sind bei mir. Die Familie ist kleiner geworden und besteht nun nur noch aus Mädels. :-)
2. Wie ist das Familien- und Arbeitsleben bei Dir aufgeteilt? Wer leistet wieviel in welchem Bereich: Haushalt, Kinder (Begleitung / Bringen zu Aktivitäten, Arztbesuche etc), technische Aufgaben (Auto, Reperaturen), Kochen?
Für mich war Gleichberechtigung auch im Haushalt immer wichtig. Bis zur Geburt vom Töchterchen waren Haushalt und andere Pflichten 50:50 aufgeteilt, jeder übernahm die Aufgaben, die er besser konnte oder einfach lieber mochte. Und das hat prima funktioniert. Als das Töchterchen da war und ich erstmal 3 Jahre Erziehungsurlaub nahm, übernahm ich einen etwas größeren Anteil im Haushalt, doch nach Feierabend teilten wir uns wieder die Aufgaben. Genauso wie am WE. So blieb es dann auch als ich wieder halbtags arbeiten ging.
3. Entspricht das aktuelle Familienleben Deiner „Wunschvorstellung“?
Ganz sicher nicht. Die Vorstellung alleinerziehend zu sein, war mein größter Albtraum. Ein Alptraum ist es nicht mehr, weil wir nach über 5 Jahren ein eingespieltes Team sind. Man wächst tatsächlich mit seinen Aufgaben...es bleibt einem ja nichts anderes übrig. Aber machen wir uns nix vor, es zermürbt, es macht müde und es ist sau anstrengend die komplette Verantwortung alleine zu tragen.
4. Ab wann würdest Du Dich „alleinerziehend“ bezeichnen?
Ab dem Zeitpunkt, ab dem man alleine erzieht, wenn man die komplette Verantwortung für die Erziehung, die Betreuung alleine trägt und mit den Problemen und Sorgen alleine klar kommen muss. Im Prinzip ist man allerdings auch schon alleinerziehend, wenn der Umgangselternteil nur alle 14 Tage mal ein Wochenende übernimmt. Getrennt erziehend wäre es für mich nur, wenn man entweder Wechselmodel lebt oder es zusätzlich auch während der Woche Umgangszeiten gäbe. Denn nur dann übernimmt auch der Umgangselternteil einen Anteil der Pflichten bei Dingen wie Elternabenden, Hausaufgaben, für Arbeiten lernen, zum Sport fahren und abholen, darauf achten, dass z.B. auf dem Instrument genügend geübt wird, Besuchskinder mit bespassen, Chauffeurdienste und Krankenpflege. Ehrlich gesagt, kenne ich nur wenige getrennte Familien, wo das so stattfindet. In den meisten Fällen bleibt es bei dem 14tägigen Spaßwochenende und fast nie teilen sich die Elternteile die Ferien 50:50 auf.
5. Zu zweit schafft man mehr und es bleibt – im besten Fall – auch mehr Zeit für einen selbst übrig: Was würdest Du als erstes streichen (müssen), wenn als Single-Eltern die Zeit nicht mehr reicht? Wo wärst Du am ehesten bereit Abstriche zu machen?
Ich stelle ganz klar meine Tochter an erste Stelle, danach kommt die Versorgung und Auslastung des Hundes, bevor ich an der Reihe bin. Ausgehen, Pflegen der eigenen Hobbys wird hinten angestellt. Wichtiger sind mir dann Erholungsphasen, genügend Schlaf und ein wenig was für die eigene Fitness tun. Am Meisten Abstriche mache ich wohl beim Ausgehen.
6. Müsstest Du als Single-Elter Abstriche beim Job machen (z.B. wegen Kinderbetreuung)?
Bei uns ist der limitierende Faktor mittlerweile weniger das Töchterchen als der Hund. Da wir uns aber nach der Trennung FÜR unsere Fellnase entschieden haben und sie jetzt auch schon über 6 Jahre bei uns lebt, ziehen wir das nun auch durch. So lange sie bei uns ist, kann ich halt nur Teilzeit arbeiten, was finanzielle Einbußen bringt. Ansonsten war das größte Problem die Ferien, da ich die komplett alleine abdecke und der Urlaub natürlich nicht dafür reicht. Glücklicherweise gibt es hier noch Omas, die immer mal einspringen und mittlerweile ist das Töchterchen ja alt genug um auch alleine zu bleiben.
7. Wo werden die Kinder im Fall einer Trennung bleiben? Mutter oder Vater? Welches Modell (Wechsel, Nest, Ferien) wünschst Du Dir?
Ganz am Anfang nach der Trennung hätte ich mir viel mehr Umgangszeiten seiten des Vaters gewünscht, evtl. sogar eine Art Wechselmodel. Schnell stellte sich aber heraus, dass der Vater wichtigere Dinge zu tun hatte. Auch die Sache mit dem Hund legte ein Model fest, denn bei jeder anderen Variante hätten wir den Hund abschaffen müssen, was der Vater ja am Liebsten sofort getan hätte. Der nächste Wunsch war dann einen Tag in der Woche, jeden Freitag auf Samstag und die Hälfte der Ferien. Daraus wurde dann ein freies WE für ihn, ein freies WE für mich, ein Abend in der Woche und an den restlichen Wochenenden der Freitag auf Samstag. Bei den Ferien gab es nur max. 3 Tage pro Ferien beim Papa. Und oft genug wurde geschoben, das Töchterchen stand früher als abgemacht vor der Tür, Ferien wurden gar nicht übernommen. Nach einem Jahr war eh Schluss, weil der Vater 2000 km weit weg zog und das Töchterchen sich weigerte ihn dort zu besuchen. Er kam max. 2 im Jahr zu Besuch. Das wars.
Wünsche habe ich keine mehr, da der Kontakt auf Wunsch vom Töchterchen momentan eingestellt wurde.
8. Wie würde sich das Alleinerziehendsein auf die Finanzen auswirken? Hast du Angst, finanziell „abzurutschen“ als Single-Elter?
Das war meine größte Sorge, die sich aber glücklicherweise entspannt hat. Wir kommen trotz Teilzeitjob ganz gut über die Runden und ab und an ist sogar ein Urlaub drin.
9. Was ist mit Kindesunterhalt? Würdest Du anstandslos zahlen bzw. würde es anstandslos gezahlt?
Über sowas hatte ich mir vorher nie Gedanken gemacht. Aber da wir einen Titel haben, wird der Unterhalt bezahlt.
10. Wenn der zahlungspflichtige Elter nicht zahlt: Gang zum Jugendamt für Unterhaltsvorauszahlung?
Unterhaltsvorschuß war bei uns nie Thema, da der Kindsvater ausreichend Geld verdient.
11. Vorausgesetzt ihr seid verheiratet: Würdest Du Trennungsunterhalt verlangen/ zahlen?
Das Thema Trennungsunterhalt ist ein komplexes Thema. Da spielen so viele Faktoren rein (wer wohnt im Haus, gibt es ein Haus, wer zahlt den Abtrag, wer verdient mehr, bleibt nach Abzug des Kindsunterhalt was übrig usw.) Mir stand in der Zeit als wir noch im Haus waren, kein Trennungsunterhalt zu, später aber schon. Vor Gericht einigten wir uns nach langen Kämpfen auf weiteren nachehelichen Unterhalt für ca. 3 Jahre.
12. Müsstet ihr umziehen?
Ja, wir mussten aus dem Haus raus. Es wurde verkauft und wir wohnen jetzt in einer schönen Mietwohnung im gleichen Ort.
13. Was glaubst Du, wie schnell schafft Ihr es, von der Paar-Ebene auf die reine Eltern-Ebene zu wechseln? Wie gut würde es Dir gelingen und wie gut Deiner*m Partner*in?
Oha, hätte ich diese Frage vor der Trennung beantwortet, wäre mein Urteil sehr viel positiver ausgefallen. Ich wäre überzeugt gewesen, dass wir das super hinbekommen, aber da hätte ich nicht ahnen können, wie sehr sich mein Partner nach der Trennung verändern würde. Wir werden in diesem Leben wohl nie auf die reine Elternebene kommen. Dieser Zug ist abgefahren!
14. Sorgerecht ist ja – sofern nicht Schlimmes vorgefallen ist – unkritisch, also nicht wirklich verhandelbar. Wie würdest Du das Umgangsrecht regeln wollen: Vereinbarung unter Eltern, in Absprache mit dem JA, in Absprache mit einem Anwalt, gerichtlich?
Wir haben das anfangs mit einer Mediatorin ausgehandelt und schriftlich festgehalten. War aber dann ja alles nach einem Jahr hinfällig. Bei dem Termin bei der psychologischen Erziehungsberatung, um irgendwie eine vernünftige und kindgerechte Lösung für einen Umgang auf 2000 km Entfernung zu finden, saß ich alleine.
15. Würdest Du das alleinige Sorgerecht wollen, wenn die Kinder bei Dir bleiben? Würdest Du es dem anderen Elter „zugestehen“? (sehr hypothetische Frage)
Aufgrund unseren Umständen würde ich sehr gerne das alleinige Sorgerecht haben wollen. Es nervt mich ungemein, dass ich von jemanden eine Unterschrift einholen muss, um z. B. ein Konto für das Töchterchen zu eröffnen, der sich weigert mit mir zu kommunizieren und der so weit weg wohnt. Aber mir fehlt die Lust und die Kraft, um diesen Kampf anzugehen und bisher hat bis auf die Bank nie jemand nach einer Unterschrift vom Vater gefragt.
16. Weißt Du, was eine Sorgerechtsvollmacht ist?
Ja, das weiß ich!
17. Was sind generell Deine größten Ängste hinsichtlich des Ein-Elter-Daseins (z.B. finanziell/ Job), organisatorisch, bzgl. der Kinder, Selfcare)?
Meine größte Sorge ist, dass mir was passiert, bevor das Töchterchen auf eigenen Füßen steht. Etwas, worüber ich mir nicht erlaube nachzudenken, weil ich dann nie wieder schlafen könnte. Ansonsten sind da natürlich schon auch finanzielle Sorgen, auch bezüglich meiner Rente und ob ich später dann überhaupt noch einen Vollzeitjob finde. Und manchmal frage ich mich, welchen Preis ich dafür zahlen muss, weil ich mein eigenes Leben für das Töchterchen so unterordne. Im Moment habe ich so wenig Zeit und Kraft und auch wenig Gelegenheit wieder einen Partner zu finden, aber vielleicht ist der Zug dann tatsächlich abgefahren, wenn ich endlich so weit bin. Natürlich kann ich auch ohne Partner glücklich und zufrieden leben, aber will ich das für den Rest meines Leben?
Ich denke, ich komme in meinem alleinerziehenden Leben mittlerweile sehr gut klar. Wir sind zusammengewachsen - ein perfektes Team. Diese besondere, tiefe und sehr eigenwillige Beziehung, die wir zueinander entwickelt haben, ist wohl der größte Gewinn, den ich durch die Trennung gewonnen habe, neben all den Schwierigkeiten, Ängsten, Sorgen und dem Gefühl der Überlastung, das sich auch heute manchmal noch einstellt, ist es das, was mir immer wieder zeigt, dass wir den richtigen Weg gehen. Es ist gut so, wie es jetzt ist!
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